D'
Waidlaseit'n

I moa, Du bist a Echda, weis'da a so trau'st! - Desweng wiast a ei'gweiht!
Der Wolpertinger - Von Alfons Schweiggert
Er ist zweifellos Bayerns berühmtestes Wunderwesen und als solches Bayerns heimliches Wappentier. Der Wolpertinger setzt sich aus mehreren Lebewesen der heimischen Wildbahn zusammen: aus Hase, Rehbock, Wildsau, Marder, Hermelin, Dachs, Ente, Fuchs, Fasan, Karpfen, Hecht, Gams, Eichelhäher, Krähe, Eichhörnchen (Oachkatzl), Biber, Huhn, Wildkatze und aus manch anderem Getier, das sonst noch in Bayerns reicher Natur kreucht und fleucht. Seinen Namen soll der Wolpertinger nach Herzog Wolpert I. (83-115 n.Chr.) erhalten haben, den berühmten Vater des ältesten bayerischen Herrschergeschlechts der Wolpertinger (83-533 n.Chr.).
Der Urwolpertinger kam aus einem "Gschpusi" zwischen einem Rehbock und einem Hasen zustande. Es entstand der gehörnte Hase. Später nahmen auch zwischen den übrigen bayerischen Tieren die Vermischungstendenzen zu. Lateinisch heißt der Wolpertinger "Crisensus crisensus" oder auch "Crisensus bavaricus". Als "Crisensus superbavaricus" ist er der oberbayerische Wopertinger, als "Crisensus subbavaricus" ein niederbayerischer. Außerdem nennt man ihn auch noch Kreißl oder Kreis. Dieser Name kommt von seinem kürzeren rechten Hinterlauf - seltener ist auch der linke kürzer -, wodurch er sich nur in mehr oder weniger großen Kreisen fortbewegen kann.
Der Wolpertinger als Gesundbrunnen
Der Wolpertinger ist nicht nur ein Wunderwesen. Etliche körperliche Bestandteile von ihm besitzen sogar Wunderkraft. So ist sein Bauchfett ein urbayerisches Kraftmittel. Es wurde im 16. Jahrhundert von Prof. Dr. Orcasmus Aphrodisiacum entdeckt. Dem, der es genießt, verleiht es (Mannes-) Kraft, ist aber auch gegen jede andere Art von Schwäche und Kraftlosigkeit mit Erfolg einsetzbar. Der Wolpertingerspeichel ist hingegen ein erprobtes Haar- und Bartwuchsmittel, das jede "Mauser" sofort stoppt. Deshalb haben übrigens in Bayern Männer und Frauen so viele schöne Haare überall am Körper und im Gesicht.
Der Wolpertinger besitzt zwei Duftwarzen, die einen gemein stinkenden Odel enthalten. Ihn spritzt er zur Abwehr auf mögliche Angreifer. Dies weist den Wolpertinger als Verwandten ersten Grades des gemeinen Saubärn (Ursus porcus) aus. Der Odel bewirkt, dass die getroffenen Kleider und Hautstellen sieben Jahre wie die Pest stinken. Das Lieblingsfressen des Wolpertingers besteht aus norddeutschen Rund- und Weichschädeln und aus frischen Gemseneiern.
Besondere Aversionen hat er gegen Republikaner, Kölsch und Reisegesellschaften, die aus dem Norden regelmäßig den Weißwurstäquator zu überschreiten pflegen. Aufgeregte Wopertinger können nur durch den Spruch: "Kreis, Kreißl, Kreis, mach bloß koan Scheiß!" beruhigt werden. Auch das Lied "Gott mit dir, du Land der Bayern" und das besänftigende Schwenken einer weiß-blauen Bayernfahne wirken beruhigend.
Regeln der Wolpertinger-Jagd
Obwohl es in Bayern nurmehr äußerst wenige Wolpertinger gibt - man spricht von 56 Exemplaren - und er deshalb vom Aussterben bedroht ist, gehört die Teilnahme an einer Wolpertingerjagd zu dem erstrebenswertesten Erlebnissen eines jeden Bayern. Voraussetzung dafür ist der Besitz eines gültigen Wolpertinger-Jagdscheins. Die Jagd ist nur nachts bei Vollmond und lediglich 14 bis 16 Tage vor dem nächsten Gewitter erlaubt.
Einleitend versuchen Treiber mit lärmenden Gegenständen den Wolpertinger aufzustöbern, worauf sie sich in immer weiter werdenden Kreisen diskret zurückziehen, um dem wartenden Jäger eine ungestörte Begegnung mit dem Wolpertinger zu ermöglichen.
Der Waidmann entzündet derweil eine Kerze aus Bienenwachs, die er vor einen Kartoffelsack stellt, der durch einen Stecken offen gehalten wird. Vom Geruch des Bienenwachses angelockt und angezogen vom Duft der vormals im Sack aufbewahrten alten Kartoffeln, der unaufhaltsam entströmt, nähert sich der Wolpertinger diesem. Ist er beim Sack angelangt, wird er vom Jäger mit der doppelbeuligen Fangkeule behutsam betäubt und mit dem mitgeführten Fangspaten rasch in den Sack geschoben, der sofort zugebunden wird.
Sollte der Jäger trotz aller Vorsichtsmaßnahmen von einem Wolpertinger gebissen werden, der bekanntlich über einen Giftzahn verfügt, lindern nur Buttermilch und Sauerkraut die Vergiftungs- und Schmerzerscheinungen. Gemeinsam genossen, führen diese beiden, in allen bayerischen Haushalten stets vorrätigen Mittel die Gifte aus dem Jägerkörper explosionsartig ab.
Es gehört zum guten Ton, dass erfolglose Jäger alle Treiber und die vielen anderen Helfer und Ratgeber in einem Wirtshaus über mehrere Runden freihalten, in denen die enttäuschten Freunde ihre Depressionen "abischwoam", das heißt, hinunterspülen können.
Gefangene Wolpertinger überleben ihre Trauer in Bezug auf ihre Freiheitsberaubung meist nur wenige Tage, bevor sie dann zur Leblosigkeit erstarren. Die fälschlicherweise oft als präparierte oder ausgestopfte Wolpertinger bezeichneten Jagdtrophäen sind also in Wahrheit im Gram erstarrte Wolpertinger. Sie dienen forthin als begehrte Schutzgeister für das bayerische Heim und Haus und zum "Preißndratzn", das heißt, zur seelischen Erschütterung der Norddeutschen.
Wissenswertes über den Wolpertinger
Da über den Wolpertinger oft haarsträubende Geschichten im Umlauf sind, sollen hier einige besonders erschreckende Fehlinformationen korrigiert werden: So besteht zum Beispiel große Unklarheit über die Ranzzeit des Wolpertingers. Sie beginnt zaghaft nach Weihnachten zwischen Fasching und Aschermittwoch und erreicht ihren ersten Höhepunkt zwischen der Starkbierzeit, dem 1. April und dem Maibock, nach dem sie ein wenig aufhört.
Auch über die Frage, ob Wolpertinger ehelich oder unehelich sind, besteht große Uneinigkeit. Grundsätzlich sind Wolpertinger lebend gebärend, aber es gibt auch zahlreiche Eier legende Ausnahmen. Diese sind immer unehelich, wenn die beiden an den Eiern Beteiligten vorher nicht geheiratet haben. Was das Lege- und Brutgeschäft des Wolpertingers betrifft, so ist seine Legalität schwach, aber seine Brutalität dafür umso stärker ausgeprägt.
Der Wolpertinger ist ein urbayerisches Phänomen, noch vor dem Föhn und gleich hinter König Ludwig II. Er ist unausrottbar in der Psyche der Bayern verwurzelt. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass ihm zu Ehren ein öffentlicher Feiertag am 21. April eingerichtet wurde. Er findet mit reichlich Glockengeläut, mit Böllerschüssen, viel Essen, noch mehr Trinken und schweißtreibendem Tanz statt.
Owa sog's ned weida - vo unsera Waidlaseit'n!